Interview vom
9.6.2009
Nicht alle Schicksale verlaufen gleich.
Oft sind es winzige Kleinigkeiten in der Vergangenheit, die die Zukunft ganz
stark beeinflussen. In der Zeit der Vertreibung konnte dies über Leben und
Tod entscheiden. Nur widerwillig lernte Frau Berta Elisabeth Stütz etwas
Tschechisch in der Schule. Doch diese Sprachkenntnisse verhalfen ihr in dem
Moment, als sie die Tschechen zum Abtransport holen wollten zu einem
Aufschub. Doch später dazu mehr*.
Morchenstern
Frau Stütz lebte in Untermorchenstern Nr.
931 und war bei Ende des Zweiten Weltkriegs eine 23-jährige junge Frau.
Bereits mit 18 war sie mit ihrem inzwischen verstorbenen Mann verheiratet.
Sie lebten in einer großzügigen 4-Zimmer-Betriebswohnung, da ihr
MannBetriebsingenieur der Spinnereien Johann Priebsch Erben A.G. war. Herr
Stütz wurde erst im Januar 1942 zur Wehrmacht eingezogen, da er nach einem
Betriebsunfall schwere Verbrennungen erlitten hatte. Nach der
Grundausbildung arbeitete er bei der Fa. Henschel Flugzeugwerke AG in
Berlin. Dort wurde die Entwicklung fern gelenkter Waffen vorangetrieben. Auf
Grund seiner Fähigkeiten wurde ihr Mann nicht an die Front befohlen. Gegen
Ende des Krieges wurde die Entwicklung in Bergwerke im Harz unter Tage
verlegt.
Frau Stütz arbeitete bis zum 8. Mai 1945
(Datum des Kriegsendes) als Reichsbahnhelferin in der Güterabfertigung. Zwei
Tage später kamen sechs russische Offiziere und beanspruchten ihre Wohnung.
Sie musste für diese kochen und wirtschaften. So kam es vor, dass diese ein
halbes Schwein anbrachten und Frau Stütz dieses zubereiten musste. Aus
Sicherheitsgründen verließ sie am Abend die Wohnung und schlief bei ihren
Eltern. Frau Stütz betont, dass sie nie von den Soldaten angegriffen wurde.
Die Wohnung gleichwohl wurde ziemlich ramponiert von den Vergnügungen, die
dort abliefen.
* Bereits einmal wollten sie die Tschechen
zum Zwangsdienst abholen und die russischen Offiziere verhandelten mit den
Tschechen. So konnte Frau Stütz ihre Sprachkenntnisse nutzen und den
Tschechen erklären, dass sie für die Russen arbeiten müssen.
Am 27. Juni verließen die Russen die
Stadt. Einen Tag später bekam sie den Befehl sich in Untertallwald, in dem
gefürchteten „gelben Haus“ zu melden. Danach wurde die junge Frau im offenen
Kohlewaggon mit 200 anderen Deutschen nach Starkenbach (heute
Jilemnice)
gebracht wurde. Da sie nicht argwöhnisch war, erschien sie mit einer
Handtasche und im Hochzeitskleid. Nach einer schrecklichen Nacht wurden sie
auf den Marktplatz in Starkenbach getrieben, wo tschechische Bauern
Arbeitersklaven auswählten. Frau Stütz meldete sich mit einer Freundin
gleich beim ersten Bauern, und die Wahl war nicht die Schlechteste. Zwar
mussten sie zu zweit in einem offenen Zimmer auf einem Strohsack schlafen,
aber sie hatten genug zu essen und konnten sich auch etwas zusammenklauen.
Der Bauer war nicht deutschfeindlich, was angesichts der nahen Grenze
verständlich erscheint. Schließlich wurde über viele Jahre mit den Deutschen
ein friedlicher Handel betrieben. So wurden die beiden nie geschlagen und
konnten sich sogar immer am Sonntag in einem großen Fass, in dem sonst
Viehfutter gekocht wurde, baden. Die Bauern waren da unterwegs und es war
Zeit das Fass zu reinigen und anzuheizen. Der Rest bestand aus harter,
rechtloser, völlig ungewohnter Arbeit wie Stall misten, Holz abfahren, Gänse
stopfen, sämtlichen Erntearbeiten bis zur Zuckerrübenernte. Die Rüben
mussten sie teilweise aus dem Schnee graben. Nach der Arbeit auf den Feldern
wartete dann noch die Hausarbeit. Im November endete diese Fronarbeit und
sie flüchtete zu ihren Eltern. Ihr Vater hatte als Glasfacharbeiter den
Gottwaldschein und durfte in seiner noch eigenen Werkstatt seiner gewohnten
Arbeit als Glasdrucker nachgehen.
Wegen der ehemaligen guten
Handelsbeziehungen ihrer Eltern mit einem Tschechen, „durfte“ sie für diesen
als Buchhalterin, Korrespondentin, Ziegenhirtin und Mädchen für alles
arbeiten. Als Bezahlung erhielt sie 1l Ziegenmilch und ein kleines
Taschengeld. Viele anderen blieben über Jahre von ihren Angehörigen
getrennt.
Die Aussiedlung am 10. Juli 1946 verlief
nicht mehr so chaotisch wie am Anfang. Somit hatte Frau Stütz Glück im
Unglück. Ihre Eltern durften nicht mitkommen. Sie war beim Transport völlig
auf sich gestellt und landete nach einer Woche in Warnemünde und nicht in
Kaufbeuren, wo ihr Mann bereits eine Dachkammer gemietet hatte. Sie hatte
keine Ahnung wie sie dorthin gelangen sollte.
Es war keine Reise in der 1. Klasse. Hier
waren Alte und Junge zusammengepfercht in einem Güterwaggon. Immerhin gab es
in den Pausen auch etwas zum Essen wie eine Suppe und Tee. Die Notdurft
musste meist aus dem Waggon heraus gemacht werden. Das waren für heutige
Verhältnisse sehr unhygienische Verhältnisse. Dazu kann die ständige
Ungewissheit über die Zukunft, die Angst um ihre Eltern und um ihren Mann,
denn sie wusste nicht wie es ihnen ging und ob sie überhaupt noch lebten.
Eine Kontaktaufnahme war nicht möglich.
Ihren Mann fand sie schließlich erst am
22. September in Neugablonz wieder. Die Ehe überdauerte mehr als 60 Jahre.
Ihre Eltern wurden nach Mecklenburg ausgesiedelt, da Familien in der Regel
getrennt wurden.
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