Interview vom 31.12. 2005

Frau Helga Dresler wurde 1935 in Weißbach im Isergebirge geboren und wuchs dort in Ihrem Elternhaus auf. Sie war bei Kriegsende gerade 10 Jahre alt und in der 2. Klasse der Volksschule. Dort wurden die Schülerinnen und Schüler der 1.-4.Klasse, sowie die der 5.-8. Klasse zusammen unterrichtet. Eine 9. Klasse gab es zu dieser Zeit noch nicht.
"Nach der Eroberung Berlins 1945 kamen die Russen in unsere Stadt und hinterließen eine Spur der Grausamkeit", erzählt Frau Dresler und kann sich an die Geschehnisse erinnern, als ob sie gestern passiert wären. Die Russen klopften an das Haus ihrer Eltern, als sie und ihr Bruder gerade dabei waren, Griesbrei zu essen und forderten die Herausgabe ihrer Fahrräder. Während ihr Vater schließlich dem nachkam, flüchteten die Mutter mit ihren Kindern zu einem Nachbarhaus, wo sie sich versteckten. "Furchtbare Angst erschossen oder vergewaltigt zu werden, hatten wir", berichtet Frau Dresler, "denn die Vergewaltigungen im Ort gingen die ganze Nacht hindurch weiter." Sie kann sich daran erinnern, dass schließlich fünf Frauen ein Kind eines Peinigers austrugen. "Männer mussten bei vorgehaltenem Gewehr bei den Vergewaltigungen zusehen."
Als die Mutter schließlich im Schutz der Dunkelheit in ihr Haus zurückkam, um zumindest wichtige Dokumente zu retten, war dieses geplündert. Ihre ganzen Ersparnisse in Höhe von 10000 Mark, die man zu dieser Zeit zu Hause gerne unter der Matratze versteckte, waren verschwunden. Die Russen zündeten sich mit den Geldscheinen auf dem Marktplatz ihre Zigaretten an.
Doch auch im Nachbarshaus war Helga nicht sicher. Als die Russen auch dort auftauchten, flüchteten ihre Mutter und sie abermals aus dem Fenster und versteckten sich in einem Stadel. Der Hausbewohner wurde indes übel zugerichtet. Ein Russe hörte Helga weinen und entdeckte sie. Er tat der kleinen Helga und ihrer Mutter nichts, sondern gab den beiden zu verstehen, dass er selbst Frau und Kinder habe und keine Gewalt ausüben werde.
 

"Wie konnten Sie ohne Geld überleben?", fragte ich Frau Dresler. "Wir arbeiteten für einen Hungerlohn auf den tschechischen Bauernhöfen zum Beispiel beim Kartoffeln lesen, bis wir fast ein Jahr später auf einem Viehwaggon drei Tage und drei Nächte lang in die amerikanische Besatzungszone transportiert wurden." Zu dieser Zeit sprach sich schnell herum, dass es wenig vorteilhaft war, in die russische Zone (ehemalige DDR) zu kommen, und außerdem hatte Helga erfahren, dass es ihrem Vater nach der Kriegsgefangenschaft gelungen war, nach Oberfranken zu kommen. Natürlich wollte ich als Interviewer wissen, wie es möglich war, in solch schweren Zeiten an solche Nachrichten zu kommen, zu einer Zeit, da es weder Internet gab noch andere Informationsquellen. Ein kriegsversehrter Freund des Vater brachte ihr die Nachricht persönlich und zu Fuß nach Weißbach direkt ins elterliche Haus; so eng hielt man damals zusammen. Nach Steinholz kam sie durch einen Schwager und nach Neugablonz durch ihren Mann, den sie als Blumenbinderin bei der Gärtnerei Simm kennengelernt hatte.

Auf die Frage, was sie von Zuhause mitnehmen konnte, zeigte mir Frau Dresler eine alte Schildkrötpuppe (siehe Foto). Sie konnte diese bei den Ausreisekontrollen durchschmuggeln, weil sie Arme und Beine auseinander nahm und getrennt verpackte. So erschien dieses Erinnerungsstück für andere wertlos. In ihrer neuen Heimat setzte sie die Teile wieder zusammen.
 

siehe http://www.frydlantsko.com

Trotz und gerade wegen dieser schlimmen Erfahrungen als Kind setzt sich Frau Dresler immer für schwächere Menschen ein. Unermüdlich sammelt sie für arme Menschen Wäsche, Kleidung, Schuhe und auch Brillen - ehrenamtlich versteht sich!