Interview vom 28. Mai 2003

Frau Eimer wurde in Gistei (tschechisch: Jistebsko) geboren und wuchs dort in ihrem Elternhaus auf. Im März erlangte sie kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges auf der Handelsakademie in Gablonz ihr Notabitur. Ihr Vater war selbständiger Formenschlosser.
Nach Kriegsende herrschte in der Familie große Angst vor allem um ihr einziges Kind Marie. Russische Soldaten lagerten schon mal mit deutschen Kriegsgefangenen auf ihrer Wiese und tschechische Soldaten durchsuchten nicht nur einmal ihr Haus. Die damals 18-jährige versteckten sie dann hinter einer getarnten Türe. War sie zum Putzen bei Tschechen zwangsverpflichtet, zog sie einen langen Rock an und trug ein Kopftuch, so dass sie für eine alte Frau gehalten wurde. Vergewaltigungen waren dennoch an der Tagesordnung. Frau Eimer erinnert sich noch sehr gut daran, wie tschechische Soldaten aus Spaß mit Gewehren über die Köpfe einer Gruppe junger Frauen hinweg schossen. "Die panische Angst, die bei den Frauen herrschte, kann ich noch heute spüren", erzählt Frau Eimer.
Ihre Eltern sollten zunächst ausgewiesen werden. Da ihr Vater aber aufgrund seiner Kenntnisse als Schlosser gebraucht wurde, wurden sie "nur" innerhalb des Ortes umgesiedelt. (Ihr Haus mussten sie verlassen, da dort ein Tscheche einzog während ihr Vater in seinem ehemaligen Haus und ehemaligen Firma arbeiten musste. Wertgegenstände waren ihnen schon zuvor weg genommen worden).
Frau Marie Eimer landete im Juni 1945 schließlich in dem Ort Zbozi, wo sie als Magd auf einem tschechischen Bauernhof die Wäsche für die ganze Familie waschen oder hart auf dem Feld arbeiten musste. Die Frau des Bauern war nicht gerade deutschfreundlich, so dass ihr der Kontakt mit mehr als einer deutschen Person gleichzeitig strengstens untersagt war. Im September konnte der Bauer die mit 50 kg schwächliche Marie für die schweren Arbeiten nicht mehr gebrauchen.
Das tschechische Arbeitsamt schickte sie trotz ihres Herzklappenfehlers als arbeitstauglich zu Fuß in den Ort zurück. Sie fand dort am anderen Ortsende einen Bauern, der sie freundlicher behandelte und bis März 1946 behielt. Dank ihrer beherzten Mutter, die den tschechischen Behörden drohte, sich umzubringen, wenn sie ihre Tochter nicht zurück bekäme, durfte Marie nach Hause - gerade noch rechtzeitig, um am 18. Mai 1946 zusammen mit ihren Eltern ausgewiesen zu werden. "Zu dieser Zeit war die Vertreibung" geregelt", erzählt sie, "so dass wir einen ganzen Tag Zeit hatten, pro Person 70 kg zu packen."  So schleppte schließlich jeder sein Gepäck in einer selbst gezimmerten ***Holzkiste nach Reichenau ins Abschiebungslager. Frau Eimer bedauert noch heute, dass ihre Großmutter während des 14-tägigen Aufenthalt starb.
Die vielen Strapazen auf dem langen Weg nach Deutschland (Entlausungen mit DDT, Leibesvisitationen und stundenlanges Warten auf einen Güterzug) muten in Anbetracht des zuvor durchlittenen Schicksals schon fast nebensächlich an. Nach langen Wirren und Umwegen gelangte Frau Eimer nach Neugablonz, wo sie noch heute in einem ehemaligen (natürlich umgebauten und von Grund auf renovierten) Bunker wohnt.

Zur Landkarte (Lage von Gistei)

Das Elternhaus (rechts) an der Straße nach Eisenbrod.

*** 70 kg durfte Frau Eimer aus ihrer Heimat mitnehmen. Die Holzkisten bewahrt sie noch immer im Keller auf. Alles, was sie für wertvoll hielt, nahm sie mit: Bettzeug, Kleidung und auch Ausweise, Fotoalben und ein Poesiealbum aus ihrer Schulzeit.