Bemühte man sich 1941 in den besetzten Gebieten des Westens, Arbeitskräfte auf Freiwilligenbasis, besser im Zuge von Arbeitsverpflichtungsmaßnahmen, wie sie auch in Deutschland bestanden, für den Arbeitseinsatz in Deutschland zu gewinnen, verfuhr man ab 1942, insbesondere in den besetzten osteuropäischen Gebieten, rigoroser: Arbeitskräfte wurden zwangsweise rekrutiert. Da in diesen Gebieten unter Stalins Herrschaft die Männer so gut wie alle zur Sowjetischen Armee eingezogen worden waren, trafen diese Rekrutierungsmaßnahmen die Frauen: Aus den Ostgebieten wurden ca. 400 000 bis 500 000 gesunde und kräftige Mädchen zur Arbeit in Deutschland verpflichtet. Diese Maßnahme verursachte mit das Entstehen des Partisanentums in den Ostblockstaaten. Auch die deutschen Werksleitungen waren nicht einverstanden mit dieser Maßnahme, einmal aus arbeitstechnischen und organisatorischen Gründen, zum anderen, weil sie meinten, dass damit der ausländischen Sabotage- und Spionagetätigkeit auf einfachste Weise Tür und Tor geöffnet wurden. Diesen Bedenken steuerte die Reichsregierung entgegen: Die ausländischen Arbeiter wurden kaserniert in Lagern untergebracht, strenge Gesetze wurden erlassen, die Deutschen den Umgang jeder Art mit diesen Fremdarbeitern und Ostarbeitern verboten. Wer dagegen verstieß, musste schwere Strafen auf sich nehmen. Diese Maßnahmen hatten zur Folge, dass die Fremd- und Ostarbeiter isolierte Gruppen bildeten, die man gut überwachen konnte, und dass ihre Lebensumstände gegen Kriegsende infolge der immer schlechter werdenden allgemeinen Lebensverhältnisse in Deutschland immer unerträglicher wurden. Konnten die Deutschen, wenigstens diejenigen, die auf dem Lande wohnten, „Beziehungen" besaßen, Hunger, Kälte, den Mangel an Bekleidung, Medikamenten und Hygieneartikel durch zwar verbotene, aber überall ausgeübte illegale Eigenversorgungsmaßnahmen, wie Tauschgeschäfte, Schwarzmarktgeschäfte, lindern, die kasernierten Fremd- und Ostarbeiter waren dazu nicht in der Lage. Die im Lager Riederloh untergebrachten Ausländer durften sich nach der Arbeitszeit frei bewegen, sie hatten im Sommer bis 22 Uhr und im Winter bis 21 Uhr Ausgang. Sie bekamen ihren Tätigkeitsbereichen entsprechenden Lohn wie die Deutschen. Sie erhielten vom Werk Arbeitskleidung gestellt, blaue Arbeitsanzüge und Holzschuhe. Für diejenigen, die in der so genannten „Endausfertigung" der Pulverherstellung arbeiteten, gab es „Dachdecker-Schuhe", Leinenschuhe mit geflochtenen Sohlen. Leider reichte die Werkkleidung, besonders in den letzten Kriegsmonaten, nicht aus. Dabei war sie für die Mädchen aus der Ukraine lebensnotwendig: Sie, die aus der damals überaus schlecht versorgten Bevölkerung der Sowjetunion stammten, besaßen nur sehr wenig eigene Bekleidung.

In der ersten Zeit wurde nur in zwei Tagesschichten gearbeitet, dann erhöhte sich die Norm auf drei Tagesschichten. Ab 1943 wurde in Zwölfstunden-Schichten gearbeitet mit einer Essenspause. Die Arbeiter und Arbeiterinnen rückten zu Schichtbeginn in Gruppen in das DAG-Gelände ein. Sie besaßen Werkausweise und wurden öfters kontrolliert. Über ihre Arbeitseinsätze wurden Stundenbücher geführt. Diese sammelte das Lohnbüro wochenweise ein und zahlte danach die Löhne aus. Wer unentschuldigt oder unberechtigt gefehlt hatte, musste mit Lohnabzug und Einzug von Lebensmittelkarten rechnen. Diese Maßnahmen galten für Deutsche und Ausländer gleichermaßen. Der Arbeitslohn betrug im Produktionsbereich für Deutsche 42 Reichspfennige pro Stunde, die „Werker" erhielten 70 bis 80 Reichspfennige pro Stunde, Verwaltungskräfte des mittleren Status etwa 135 bis 350 Reichsmark Monatslohn. Das Essen für die gesamte Belegschaft wurde in der Großküche des Lagers Riederloh gekocht. Es war, den damaligen Verpflegungsverhältnissen entsprechend, ausreichend. Allerdings: Die ausländischen Arbeiter und Arbeiterinnen wurden schlechter verpflegt als die deutschen. Das Essen für die Schichtarbeiter wurde in Thermokübeln in das Gelände gebracht und in den dortigen Kantinen ausgeteilt. Deutsche und Ausländer hatten jeweils ihre eigenen Kantinen. Arbeiter, gleich ob Deutsche oder Ausländer, die Schwer- oder Schmutzarbeiten verrichten mussten, bekamen Zusatzverpflegung, ebenso diejenigen, die mit giftigen Stoffen wie Äther hantierten. Sie erhielten täglich einen halben Liter Vollmilch. Die Milch wurde frisch angeliefert und im heutigen Gebäude Neue Zeile 3, dem damaligen Omnibus-Bahnhof, ausgeladen. Auch die ausländischen Arbeiter konnten Essen zusätzlich kaufen, im Lager war eine eigene Kantine für sie eingerichtet. Sie hatten auch Gelegenheit, in den Läden der Stadt einzukaufen, wenn dort Lebensmittel ohne Lebensmittelmarken „frei" angeboten wurden. Jedoch, je weiter der Krieg fortschritt, desto seltener wurden diese Angebote. Die Ukrainerinnen sammelten in den Arbeitspausen gern Zapfen. Aller Wahrscheinlichkeit kochten sie sich in ihren Unterkünften selbst zusätzliches Essen. Genaues darüber wussten die deutschen Arbeiter und Arbeiterinnen nicht, denn ihnen war es streng verboten, die Unterkünfte der Ausländer zu betreten. Die Behandlung der ausländischen Arbeiter war korrekt, sie wäre wahrscheinlich menschlicher gewesen, wenn die strengen Gesetze die Deutschen nicht daran gehindert hätten, mit den Ausländern zu verkehren. Die Ausländer aus den westeuropäischen Staaten lebten recht frei und ungebunden und versuchten, sich ihr Schicksal, so gut es ging, zu erleichtern. „Germanische" Fremdarbeiter wie Holländer und Flamen wurden bald in jeder Weise rechtlich den Deutschen gleichgestellt. Sie erhielten bei entsprechendem Können Vorarbeiter- und Facharbeiterposten. Auch die Franzosen und Französinnen, die teils ausgezeichnete Facharbeiter waren, rückten bald in gehobenere Stellungen und ersetzten deutsche Facharbeiter, die zur Wehrmacht eingezogen wurden. Die Polen galten als geschickte Elektriker, sie hatten wohl auch im geheimen Radios zusammengebastelt, hörten ausländische Sender und informierten ihre Mitarbeiter über die Kriegsgeschehnisse. Als die Ostfront nach der Niederlage vor Stalingrad im Februar 1943 wankte, feierten die Polen im Lager Riederloh ein Freudenfest und sangen ihr Lied des Widerstandes: „Noch ist Polen nicht verloren . . .". Auch Deutsche nahmen an diesem Fest teil und sangen eifrig mit. Beide wurden bestraft.
Alle Angehörigen westlicher Nationen bekamen Urlaub wie die Deutschen. Auch Polen, die sich durch gute Arbeitsleistung auszeichneten, durften nach Hause in Urlaub fahren. Sie brachten aus ihren Heimatländer oft Zusatzverpflegung mit und gaben davon auch ihren deutschen Arbeitskollegen etwas ab, denn in Deutschland selbst war die Verpflegungslage oft schlechter als in den besetzten Ländern. Ab 1944, nach der Verkündung des „Totalen Krieges", gab es keinen Urlaub mehr, weder für Deutsche noch für Ausländer. Es kam auch vor, dass jemand aus dem Urlaub nicht mehr zurückkehrte. In solchen Fällen wurde die Gestapo (Geheime Staatspolizei, die politische Polizei des Deutschen Reiches, die auch in den besetzten Gebieten tätig war) verständigt. Herausgekommen ist dabei nie etwas. Die Leute sind untergetaucht. Aber diese Fälle waren selten, wie auch nie ein Spionagefall verzeichnet wurde. Auch Sabotagefälle sind nie, so weit sie das Werk selbst betrafen, in Erscheinung getreten. Auf Sabotage und Spionage stand allerdings auch die Todesstrafe, dies schreckte wohl ab.
Die Fremdarbeiter feierten in der Wirtschaftsbaracke gut und gern Feste, veranstaltet von der Werkleitung und auch in eigener Regie. Federführend waren dabei die Franzosen. Auch Deutsche feierten mit, obwohl dies offiziell verboten war. Die Ukrainerinnen sonderten sich von den übrigen Fremdarbeitern ab, sie lebten sehr zurückgezogen und jammerten nie. Sie lernten rasch deutsch, verrieten aber nicht, wie es bei ihnen daheim aussah. In Gesprächen vertraten sie die Linie des bolschewistischen Marxismus, der ihr Leben bisher geprägt hatte. Disziplin und wohl auch Angst waren es, die ihre Haltung bestimmte, eine Haltung, die typisch war für Sowjetbürger der Stalinzeit. Dennoch ließen sie dann und wann durchblicken, dass sie ihren Aufenthalt in Deutschland nicht nur als Belastung empfänden. Trotz ihrer Verschlossenheit gewannen sie die Wertschätzung vieler ihrer deutschen Arbeitskollegen. Die Rückkehr nach Kriegsende in ihre Heimat bescherte den meisten von ihnen vorerst keine Verbesserung der Lebensumstände: Sie wurden wiederum zwangsweise über Monate oder gar über Jahre in „Umerziehungslagern" interniert in der Annahme, sie seien durch ihren Aufenthalt im „faschistischen Deutschland" reaktionär beeinflusst worden.
 


Der oben stehende Text wurde teilweise gekürzt, leicht verändert und mit Bildern ergänzt von Peter Dittert.

Der Text wurde mit freundlicher Genehmigung des Vorstands der Leutelt-Gesellschaft e.V. entnommen aus dem Buch:
„Neugablonz - Stadtteil der ehemals Freien Reichsstadt Kaufbeuren im Allgäu“
Entstehung und Entwicklung
Herausgegeben von der Leutelt-Gesellschaft durch Susanne Rössler und Gerhart Stütz

Das Buch mit dem vollständigen Text ist erhältlich für 35 Euro im örtlichen Buchhandel von Neugablonz oder direkt von der Leutelt-Gesellschaft, Waldstetter Gasse 10a, 73525 Schwäbisch-Gmünd, Tel. 07171/72705 - gerne bin ich Ihnen bei der Beschaffung des Buches behilflich -  Email : 
Peter Dittert