Obwohl keine Aufzeichnungen über die Einrichtung der Gebäude erhalten geblieben sind, kann mit Sicherheit gesagt werden, dass alle technischen Einrichtungen der Anlage wie auch alle sonstigen Einrichtungen von bester Qualität waren. Es fehlte an Nichts, weder in den Produktionsstätten, noch in den Verwaltungsgebäuden, noch in den „Wohlfahrtsgebäuden". Die Pulverherstellung lief in zehn Phasen ab. Die Rohbestandteile wurden von einer Produktionsstätte zur anderen auf Elektrokarren mit Batterieantrieb transportiert, die Karren wurden über Nacht aufgeladen. Es kam schon einmal vor, dass das Aufladen vergessen wurde oder jemand verbotenerweise mit so einem Karren spazieren fuhr, bevor er zum Einsatz kam. Dann gab es eine Verkehrsstockung, die unangenehm werden konnte. Als ab 1944 Energie gespart werden musste, schaffte die Verwaltung fünf paar Zugochsen an, die den Transport übernahmen. Die Ochsen waren unbeschlagen, die Arbeiter und Arbeiterinnen hatten Holzschuhe an: Jede Möglichkeit, dass sich ein Funke bilden konnte, musste ausgeschlossen werden, denn überall lagen und schwebten Pulverteilchen. Die elektrisch betriebenen Maschinen und die wenigen zugelassenen Motorräder waren durch Spezialvorrichtungen abgekapselt und gesichert. Nur ein einziges Mal kam es zu einem Explosionsunglück. 1943 hatte ein Arbeiter im „Schüttler", eine Produktionseinrichtung für eine Phase der Pulverproduktion, eine kleine Reparatur ausgeführt. Er hat dabei das Sieb so eingesetzt, dass es zu Reibungen und damit zu Materialerhitzungen kam. Das Pulver explodierte mit einer hohen bläulichen Stichflamme, aber ohne Rauchentwicklung, denn dieses Pulver war von rauchloser Art. Das Gebäude brannte aus, die umliegenden Bäume verkohlten. Menschen wurden nicht verletzt, sie hatten sich rechtzeitig in Sicherheit bringen können. Um die Verladung gut und sicher in den Griff zu bekommen, waren den Produktionsgebäuden und den Lagergebäuden Rampen vorgebaut. Eine davon ist erhalten geblieben am ehemaligen Heimwerkermarkt Gerhauser, Sudetenstraße 103.
Für die Lagerung der für die Pulver- und Sprengstoffherstellung benötigten Gefahr bringenden Rohstoffe wie Nitroglyzerin, Äther, Aceton und Alkohol waren umfangreiche Sicherheitsmaßnahmen getroffen worden. Tonnenschwere Tanks mit dicken Wänden waren in die Erde oder in Keller von zusätzlich Schutz bietenden Bunkern eingelassen. Dasselbe galt für das Benzinlager, das in der Nähe der heutigen Leutelt-Schule seinen Platz hatte. Dennoch gab es Zwischenfälle: Der leicht verdunstende Äther war an sich eine Gefahrenquelle. Immer wieder einmal mussten sich Arbeiter und Arbeiterinnen wegen Äthervergiftungen behandeln lassen. Um die Ätherbehälter roch alles nach dieser Chemikalie. Mit dem Alkohol gab es anderen Ärger: Zwar kamen alle Alkohol-Anlieferungen plombiert an, die Plomben durften nur in Anwesenheit von Zollbeamten entfernt werden, der Alkohol musste sofort durch Zugabe von Chemikalien denaturiert, also für den menschlichen Gebrauch ungenießbar gemacht werden. Aber irgendwie landeten dennoch Kontingente des damals hoch begehrten Alkohols bei der Zivilbevölkerung oder am Schwarzen Markt.
 

Die Sicherheitsmaßnahmen gingen so weit, dass zum Saubermachen der Unterkünfte nur Rosshaarbesen verwendet werden durften, die sich nicht elektrisch aufluden. Auch diese Rosshaarbesen waren Problemfälle, sie verschwanden am laufenden Band, denn auch sie waren in den damaligen Kriegszeiten eine seltene Kostbarkeit.
 

Munitionskasten aus dem DAG-Gelände (Neugablonzer Museum)  



Die Pulvermühlen durften wegen der Explosionsgefahr nicht mit Elektromotoren betrieben werden, ihre Antriebskraft lieferte Wasser, das in einem kleinen Hochbehälter gesammelt wurde und Pelton-Turbinen speiste. Die Kunststoff- und Porzellankugeln, die zum Zermahlen des Pulvers verwendet wurden, gaben nach der Zerstörung des DAG-Geländes 1945 beliebtes Rohmaterial für die Gablonzer Industrie ab. Schmuckbestandteile wurden daraus hergestellt, aber auch Griffe, Halterungen und Knöpfe für Geräte. Mengen von Porzellankugeln kaufte 1946 ein Gablonzer um 500 Reichsmark auf und verkaufte sie, gut verpackt, als „Pinkkugeln" oder Murmeln. Ein recht lukratives Geschäft für ihn! Eine wichtige Funktion hatte die Schießstätte, hier wurden die hergestellten Braun- und Schwarzpulversorten ausprobiert. Nicht immer waren diese Versuche erfolgreich. Die geprüften und als einwandfrei befundenen Pulversorten und Pulvermengen wurden in Leinensäckchen verpackt und in mit Zinnblech ausgeschlagenen Kisten in die Munitionsfabriken gesandt.
Diese Leinensäckchen, mit oder ohne Inhalt, waren in Restbeständen in den Bunkern noch vorhanden, als die Gablonzer ab 1946 das DAG-Gelände besiedelten. Sie waren sehr gefragt: Man konnte sie als Einkaufstaschen verwenden und zu Kleidungsstücken umarbeiten. Besonders gut eigneten sie sich als „Kaffeesäckel", Kaffeefilter, wie sie damals verwendet wurden. Mit dem Ausbau der Sprengstoffabteilung und der Verlagerung der Sprengstoff-Versuchsgesellschaft mbH in das DAG-Gelände gewann die Schießstätte an Bedeutung. In eigenen Werkhallen, sie befanden sich zwischen der jetzigen evangelischen Kirche und der Glasstraße (das Haus Klobe, Wiesenstraße, war die Werkkantine dieser Abteilung), wurden neue Geschosse entwickelt und in dieser Schießstätte von Angehörigen der Deutschen Wehrmacht und der Waffen-SS ausprobiert. Der Werkangehörige Tomaschevsky hatte eine neue Granate entwickelt, die den Spitznamen „Tomate" bekam.


Der oben stehende Text wurde teilweise gekürzt, leicht verändert und mit Bildern ergänzt von Peter Dittert.

Der Text wurde mit freundlicher Genehmigung des Vorstands der Leutelt-Gesellschaft e.V. entnommen aus dem Buch:
„Neugablonz - Stadtteil der ehemals Freien Reichsstadt Kaufbeuren im Allgäu“
Entstehung und Entwicklung
Herausgegeben von der Leutelt-Gesellschaft durch Susanne Rössler und Gerhart Stütz

Das Buch mit dem vollständigen Text ist erhältlich für 35 Euro im örtlichen Buchhandel von Neugablonz oder direkt von der Leutelt-Gesellschaft, Waldstetter Gasse 10a, 73525 Schwäbisch-Gmünd, Tel. 07171/72705 - gerne bin ich Ihnen bei der Beschaffung des Buches behilflich -  Email : 
Peter Dittert