Planung, Bau und Einrichtung dieses Geländes waren, ohne Einschränkung, eine technische und organisatorische Meisterleistung. Die Bauleiter und ihre Mitarbeiter waren hervorragende Fachleute, ebenso das Verwaltungspersonal. Selbst wenn man in Betracht zieht, dass ihre Arbeit die volle Unterstützung der Reichsregierung genoss und damit viele Wege offen standen, die dem Durchschnittsbürger verschlossen waren, dass sie über Arbeitskräfte in großer Zahl verfügen konnten, muss ihre Leistung als weit über den Durchschnitt stehend eingestuft werden. Die Lage des DAG-Geländes ist auch heute noch unschwer auf Neugablonzer Stadtplänen zu erkennen. Das Gelände hatte zwei Eingänge, ein Südtor mit Wachhaus, heute Haus Nr. 70 an der Sudetenstraße, dieses Tor war der Haupteingang,

Das Südtor des DAG-Geländes (Aufnahme 1947), im Hintergrund das Lager Riederloh

Der gleiche Bildausschnitt im Jahr 2003 - die heutige Sudetenstraße

und ein Nordtor mit Wachhaus, heute der Gasthof „Alte Heimat", Gewerbestraße 80:

Beide Eingänge waren streng bewacht. Zwischen ihnen verlief die Hauptverbindungsstraße, die heutige Sudetenstraße und Gewerbestraße. Aus- und Einfahrt der Bahnlinie befanden sich neben dem Nordtor. Das Gleis war durch ein Tor verschlossen. Dieses Tor wurde nur geöffnet, wenn ein Zug in das Gelände herein- oder aus dem Gelände herausfuhr. Der Zugverkehr wurde aus Tarnungsgründen sehr früh am Morgen, spät abends oder nachts abgefertigt. Das gesamte Areal war mit einem festen Maschendrahtzaun umgeben, der Zaun war an über zwei Meter hohen, nach innen gebogenen Betonsäulen befestigt, an der Oberkante mit Stacheldraht zusätzlich gesichert. Innerhalb des Geländes gab es Gebäudekomplexe, die nochmals in dieser Form gesichert waren. So das Gästehaus, dessen Reste heute noch zwischen Fichtenweg und Tannengrund vorhanden sind. Die Gebäude können folgendermaßen in Gruppen zusammengefasst werden: Produktionsstätten, Lagerstätten, Werkstätten und Reparaturhallen, Depots für Kraftwagen, Fahrräder und Lokomotiven, Versorgungsgebäude technischer Art, Verwaltungsgebäude, „Wohlfahrtsgebäude", zu denen Kantinen, Aufenthaltsräume, Bade- und Waschanlagen sowie Toiletten gerechnet wurden. Weiter gab es ein Labor-Gebäude (das ehemalige Hotel Europa in der Gewerbestraße),

Das ehemalige Nordtor, heute befindet sich darin das Gasthaus "Alte Heimat"

 

Das Labor des DAG-Geländes Nr. 556 (1946: Betriebsgebäude der Firma Berthold Lindner, nachmals "Hotel Europa" in der Gewerbestraße

Das als "Hotel Europa" bekannte Gebäude an der Gewerbestraße in der Nähe des Wertstoffhofs - heute leer stehend

das Wach- und Feuerwehrhaus (heute Haus der Gablonzer Industrie), das Gästehaus der Betriebsleitung und die Schießstätte (heute noch am Rehgrund als Ruine vorhanden), drei Löschteiche und mehrere Splittergräben, die im Falle eines Fliegerangriffes oder einer betriebsinternen Explosion Schutz bieten sollten. Die Risiko-Gebäude der Produktion wurden in Sicherheitsabstand von anderen Baulichkeiten errichtet. Mit wenigen Ausnahmen bestanden alle Gebäude aus Betonwänden, die verstärkt waren durch Strebepfeiler. Anschauliches Beispiel dafür bietet heute das Haus der Industrie und weitere noch vorhandene Gebäude in Neugablonz. Alle diese Bauten hatten ein flaches, vorspringendes Betondach, das, als Wanne ausgebildet, mit Grüngewächsen bepflanzt war. Einige wenige Gebäude, wie das Gästehaus und die Wachhäuser an den Toren, waren nach Art von Bauernhäusern im alpenländischen Stil errichtet, ebenso das Pumpwerk an der Wertach, das der Kühlwasserentnahme für das Kraftwerk diente. Als weiteres „Bauernhaus" war ein am Rande des Geländes, heute Eichenmähderweg, gelegenes Gebäude erbaut worden, das allerdings diese Bezeichnung zu Recht trug: Es beherbergte tatsächlich ein landwirtschaftliches Anwesen. Schweinezucht und Schweinemast wurden hier betrieben, Futter lieferten die Abfälle aus der Großküche des Lagers Riederloh. Die geschlachteten Schweine landeten dann wiederum in den Kochkesseln der Großküche. Auch eine Gärtnerei-Anlage war vorhanden, in der vorwiegend Gemüse gezogen wurde. Es fand ebenfalls in der Lagerküche Verwendung.
Diejenigen Gebäude, die der Sprengstoffproduktion dienten, hatte man aus Sicherheitsgründen tiefer gesetzt, so dass ihre Produktionsräume zum Teil unter dem Niveau des Baugeländes lagen. Diese und andere Gebäude waren aus Sicherheitsgründen und zum Zwecke der Tarnung mit Erdwällen umgeben. (Der umgebaute Bunker Fichtenweg 12 weist auf seiner Rückseite eine solche Aufschüttung auf.)


Der oben stehende Text wurde teilweise gekürzt, leicht verändert und mit Bildern ergänzt von Peter Dittert.

Der Text wurde mit freundlicher Genehmigung des Vorstands der Leutelt-Gesellschaft e.V. entnommen aus dem Buch:
„Neugablonz - Stadtteil der ehemals Freien Reichsstadt Kaufbeuren im Allgäu“
Entstehung und Entwicklung
Herausgegeben von der Leutelt-Gesellschaft durch Susanne Rössler und Gerhart Stütz

Das Buch mit dem vollständigen Text ist erhältlich für 35 Euro im örtlichen Buchhandel von Neugablonz oder direkt von der Leutelt-Gesellschaft, Waldstetter Gasse 10a, 73525 Schwäbisch-Gmünd, Tel. 07171/72705 - gerne bin ich Ihnen bei der Beschaffung des Buches behilflich -  Email : 
Peter Dittert