„Der Fliegerhorst stellte Soldaten und Lastkraftwagen zum Abtransport zur Verfügung. So lagerte man Bestände in die damals leer stehende Ziegelei Schmidt, Marktoberdorf, aus; ebenso soll dies in einer Schlucht bei Pfronten und in einer Höhle bei Oberstdorf geschehen sein". Am 19. März 1945 wurde der Führerbefehl „Verbrannte Erde" erlassen, der befahl, dass durch Sprengungen in den den vorrückenden Truppen der Alliierten freigegebenen Räumen eine Verkehrswüste geschaffen werden sollte, die dieses Vorrücken bremste oder unmöglich machte. Gesprengt werden sollten Brücken aller Art, Gleisanlagen, Schleusen, Rangierwerke, Betriebs- und Werkstätteneinrichtungen, kurz, nachhaltiges Zerstören wurde befohlen. Die Betriebsleitung kam dem Befehl nicht nach, sie sah eine Verlagerung des Werkes, bzw. der Einrichtungen des Werkes nach Reutte in Tirol vor. Doch dazu reichte die Zeit nicht mehr aus. Nur einige Drehbänke wurden nach Reutte verlagert. Obwohl sich jeder bewusst war, dass der Krieg nun zu Ende ging, wurde im DAG-Gelände bis zur letzten Minute gearbeitet. Diese letzte Minute trat am 27. April 1945, 11.45 Uhr, ein:
Um 11 Uhr 45 wurde vom Werkschutzraum auf Tor II telefonisch die Meldung „Panzer bei Tor II" durchgegeben, da von dort aus auf der Straße Pforzen-Germaringen (amerikanische) Panzer gesichtet wurden, die aber dann wider Erwarten nicht in das Werkgelände einbogen, sondern nach Obergermaringen weiterfuhren. Auf Grund der Panzermeldung wurde sofort mit dem Kugelwecker das vereinbarte Alarmzeichen zum Verlassen der Arbeitsplätze gegeben. Die Fremdarbeiter liefen mit weißen Tüchern den Panzern entgegen, die scherten sich jedoch nicht um die Jubelnden. Ihr Fahrtziel war die Stadt Kaufbeuren. Abteilungen der 7. US-Armee mit der 10. Panzer-Division und der 44. Infanterie-Division waren, von Norden kommend, durch das Wertachtal nach Kaufbeuren vorgerückt. In Rieden hatte sich die Panzerspitze geteilt und einmal auf der direkten Route, dann über Rieden, Germaringen, Richtung Hirschzell gegen Kaufbeuren vorgeprescht. Das Gros wartete in Stellung vor der Stadt. Ein Kommando rückte in die weißbeflaggte Stadt ein. Der damalige Bürgermeister der Stadt Kaufbeuren, Generalleutnant a. D. Karl Deinhard, der seit 30. Januar 1944 das Amt des Bürgermeisters innehatte, übergab Kaufbeuren gegen 14.00 Uhr kampflos.
Am Abend dieses Tages fand noch eine Schießerei zwischen der Besatzungstruppe und einem am Bahnhof eingefahrenen deutschen Panzerzug statt, der Wehrmachtszug kapitulierte. Das Kampfbataillon des Fliegerhorstes hatte sich schon am Morgen desselben Tages nach Schongau abgesetzt.
In das DAG-Gelände kamen die amerikanischen Besatzungstruppen jedoch auch weiterhin nicht. Die meisten der deutschen Mitarbeiter und die Truppenangehörigen aus dem DAG-Gelände tauchten unter, nachdem sie noch einige Maschinen unbrauchbar gemacht hatten.
Der Direktor und Werkschutzleiter blieben im Werk und sorgten mit einem Wachleiter und drei Werkschutzmännern für die Aufrechterhaltung der Ordnung. Küche und Kantine waren unter Leitung des Lagerführers und eines Kochs weiter in Betrieb. Da sich einige Ausländer an den Lebensmittelvorräten vergreifen wollten, bewachten „alte" Polen (seit Jahren im Werk) und Belgier die Lebensmittelmagazine und den Schweinestall, um zu vermeiden, dass die Versorgung der Lagerinsassen zum Erliegen kam. Polen hatten die Schusswaffen von zurückflutenden deutschen Landsern (Soldaten) gesammelt. Es bestand somit Gefahr für das Werk und für die Stadt durch eine evtl. Explosion.

Da sich bis Montag, den 30. 4. 1945, kein Amerikaner zur Übernahme des Werkes einfand, begab sich der Werkschutzleiter Bärmann persönlich zur Militärregierung in das Rathaus der Stadt Kaufbeuren und bat um Übernahme des Werkes. Nach einer kurzen Besichtigung des Stadtkommandanten wurde das Werk von einer Kompanie (amerikanischer) Soldaten besetzt, wobei vor allem die Pulverbunker und das Ätherlager bewacht wurden. Alle ausländischen Arbeitskräfte konnten sich nun vollkommen frei bewegen. In den kommenden Wochen wurden im Kaufbeurer Bereich Sammellager für sie, nach Nationen getrennt, eingerichtet, z. B. für Holländer im Hofbräuhaus, für Ukrainerinnen im Stachus. Die Polen blieben im Lager Riederloh. Polen aus anderen Betrieben der Umgebung und solche, die in der Landwirtschaft gearbeitet hatten, kamen hinzu. Aus diesen Sammellagern wurden die ausländischen Arbeiter, sobald die Verkehrsverbindungen wieder hergestellt worden waren, in Gemeinschaftstransporten in ihre Heimatländer verbracht. Nicht wenige, solche, die aus den kommunistisch beherrschten oder aus von der Sowjetarmee besetzten Ländern stammten, widersetzten sich der Rückführung. Sie blieben in Deutschland als so genannte „displaced persons". Sie wurden von der einer Hilfsorganisation der Vereinten Nationen betreut, bis sie Einreisevisa in amerikanische Länder, vorwiegend nach den USA und Kanada, erhielten. Ausschreitungen gegen Deutsche und Plünderungen größeren Stils kamen nicht vor. Allein die Polen, die sich bewaffnet hatten, bedrohten Familienangehörige der Werksleiter. Sie hatten sich schließlich auch Zugang zu den Alkohollagern verschafft und waren weit und breit bekannt als Lieferanten für Alkohol für den Schwarzen Markt. Eine Gruppe Polen blieb bis Oktober 1945 im Lager Riederloh wohnen. Es war für damalige Verhältnisse keineswegs selbstverständlich, dass sich die ausländischen Zwangsarbeiter nicht zu Exzessen gegen ihre deutschen Vorgesetzten hinreißen ließen. Diese loyale Haltung der Ausländer des DAG-Geländes kann nur ihre Begründung darin finden, dass das Verhältnis zwischen der Werksleitung, den deutschen Vorgesetzten und den Ausländern gut gewesen sein muss.
Es fanden auch keine pauschalen Anklagen der Werkleiter durch die Siegermächte statt. Ihre Verhaftungen hielten sich in Grenzen. Dr. Hermann Herzog wurde aufgrund von Denunziation deutscher Mitarbeiter wegen „illegalen Waffenbesitzes" verhaftet und zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Er war eineinhalb Jahre inhaftiert und saß seine Strafe unter menschenunwürdigen Verhältnissen im Gefängnis Dachau ab. Schlimm erging es Wagner, dem Leiter des Wohnlagers Riederloh. Seine Namensgleichheit mit dem Leiter des KZ's Steinholz, das zudem als Außenstelle des KZ's Dachau als „Lager Riederloh II" geführt worden war, bescherten ihm Verhaftung und entwürdigende Inhaftierung, bis der wirklich Schuldige aufgefunden wurde. Die Ankläger der amerikanischen Militärtribunale handelten nicht immer nach Rechtsgrundsätzen. Rache an den Deutschen statt Rechtssprechung war die Devise nicht weniger dieser Ankläger nach Kriegsende.
Dr. Herzog arbeitete nach seiner Freilassung wieder als Chemie-Wissenschaftler bei Nachkriegsfirmen. Seine Familie blieb Kaufbeuren treu, sie behielt ihren Wohnsitz in Kaufbeuren. Auch eine größere Gruppe von weiteren deutschen Mitarbeitern, solche vor allem, die heimatlos geworden waren oder nicht in ihre Wohnsitze in der sowjetisch besetzten Zone zurückkehren wollten, blieben in Kaufbeuren und bauten zum Teil in Neugablonz neue Existenzen auf.
 


Der oben stehende Text wurde teilweise gekürzt, leicht verändert und mit Bildern ergänzt von Peter Dittert.

Der Text wurde mit freundlicher Genehmigung des Vorstands der Leutelt-Gesellschaft e.V. entnommen aus dem Buch:
„Neugablonz - Stadtteil der ehemals Freien Reichsstadt Kaufbeuren im Allgäu“
Entstehung und Entwicklung
Herausgegeben von der Leutelt-Gesellschaft durch Susanne Rössler und Gerhart Stütz

Das Buch mit dem vollständigen Text ist erhältlich für 35 Euro im örtlichen Buchhandel von Neugablonz oder direkt von der Leutelt-Gesellschaft, Waldstetter Gasse 10a, 73525 Schwäbisch-Gmünd, Tel. 07171/72705 - gerne bin ich Ihnen bei der Beschaffung des Buches behilflich -  Email : 
Peter Dittert