Ein trauriges, unmenschliches Kapitel in der Geschichte des DAG-Geländes ist der Arbeitseinsatz von jüdischen Häftlingen. Etwa 70 bis 80 Juden mussten im Jahr 1944 im DAG-Gelände Zwangsarbeit leisten, weitere waren beim Straßen-, Wasserleitungs- und Lagerbau außerhalb des DAG-Geländes eingesetzt. Es waren Juden aus Polen, die über die Lager Auschwitz und Kaufering bei Landsberg hierher transportiert worden waren, und ungarische Juden, unter ihnen sehr viele Akademiker und Kulturschaffende, auch zwei halbwüchsige Buben, die aller Wahrscheinlichkeit nach direkt von Ungarn in das DAG-Gelände gebracht wurden.
Eine Augenzeugin berichtete, dass die Ankunft der ungarischen Juden ein Bild des Schreckens bot: Die Inhaftierten mussten tagelang unterwegs gewesen sein, sie waren voller Schmutz und Kot, so geschwächt und unterernährt, dass sie bei ihrer Ankunft am Geländebahnhof (Haus Gerhauser, Sudetenstraße) aus den Waggons mehr fielen als ausstiegen. Der Lagerkoch Luckner aus Hirschzell verteilte an sie gekochte Kartoffel, da stürzte sich einer der SS-Wachleute auf ihn und brüllte ihn an, er solle dies sofort sein lassen. Luckner wehrte sich und brüllte zurück: „Wenn ihr mich auch nur anrührt, dann überschütte ich euch mit kochendem Wasser!" Die Elendsgestalten bedankten sich für jeden geschenkten Kartoffel mit einer demütigen Verbeugung.
Die Wachmannschaft der jüdischen Arbeitskolonnen gehörte einem Sonderkommando der SS an und gebärdete sich erschreckend brutal. Die „Vorarbeiter", „Kapos“ genannt, waren selbst KZ-Häftlinge, meist Kriminelle, keine politischen Häftlinge. Die SS-Wachmannschaft hatte mit der Wachmannschaft des DAG-Geländes keine Verbindung. Diese konnte somit auch nicht gegen die brutale Behandlung der jüdischen Zwangsarbeiter vorgehen. „Selbst überzeugte Nationalsozialisten waren geheilt, als sie dieses Elend der Juden mit ansehen mussten, ohne helfen zu können", erinnerte sich die Augenzeugin.
Selbstverständlich war es Deutschen streng verboten, mit den jüdischen Zwangsarbeitern auch nur zu sprechen. Wenn sie dies taten, riskierten sie ihre eigene Verhaftung. Dennoch versuchten manche, ihnen Hilfe zukommen zu lassen.
Die jüdischen Zwangsarbeiter waren nur mangelhaft bekleidet und bekamen eine ganz geringe Verpflegungsration zugewiesen. Sie wurden in der „Polenkantine" verpflegt. Wenn die Polen gegessen hatten, rief sie eine Glocke zum Essenfassen. Oft so entkräftet, dass sie sich gegenseitig stützen mussten, schlichen sie zur Kantine. Frauen aus der Lagerküche steckten ihnen manchmal etwas Essbares zu. Eine deutsche Angestellte schenkte einmal den beiden Buben einen Apfel. Die Wache sah dies und drang sofort drohend auf sie ein: Wenn dies nochmals geschehe, müsse sie mit schlimmen Konsequenzen rechnen! Trotzdem ließ sie den beiden Buben, die vielleicht zehn Jahre alt waren, im geheimen Äpfel zukommen; sie kollerte ihnen die Äpfel, wenn niemand herschaute, wie einen Ball vor die Füße.
Die jüdischen Zwangsarbeiter wurden bei Transportarbeiten, beim Straßenbau, beim Bäume fällen und bei Aufräumungsarbeiten eingesetzt. Sie konnten diese Arbeit infolge ihrer Unterernährung kaum leisten. Einige begingen Selbstmord. Als im Winter 1944 in ihrem Lager Steinholz eine -Typhusepidemie ausbrach, hielt der Tod unter ihnen reiche Ernte.
 

Beide Pfeile zeigen den gleichen Punkt. Nach Steinholz gelangt man vom Kaufbeurer Kreisverkehr (Karte links - links unten), Ausfahrt Germaringen. Die KZ Gedenkstätte erreicht man auf einem kurzen Fußweg durch den Wald (Karte rechts - grün gepunktete Linie).

   
Zum ersten Mal besuchte ich den düsteren Ort ganz in der Nähe von Steinholz mit meiner Grundschullehrerin Frau Erben. Ich war als Kind tief betroffen, wie sie damals aus dem Alltag eines kleinen Jungen aus dem Lager Riederloh erzählte.

Im Januar 1945 wurde ihr Lager aufgelöst, die Überlebenden zu anderen Arbeitseinsätzen abtransportiert. In den letzten Monaten vor Kriegsende gestaltete sich die Arbeit im DAG-Gelände immer schwieriger: Mangelerscheinungen machten sich immer mehr und mehr bemerkbar, auch in der Verpflegung. Die Rohstoffanlieferungen wurden unterbrochen, Deutschland lag unter dem Bombenhagel der Alliierten, der nun apokalyptische Ausmaße annahm. Die letzten Wochen vor Kriegsende stellten die verantwortlichen DAG-Leute noch vor schwierige Situationen. Das gefertigte Pulver, darunter hochexplosive Pulverarten, konnte infolge der Kriegshandlungen im Reichsgebiet nicht mehr zu den in Norddeutschland gelegenen Munitionsfabriken transportiert werden. So hatten sich im Werk erhebliche Vorräte angesammelt. Es ging also darum, das fertige Pulver möglichst bald aus der Fabrik zu entfernen, da es eine große Gefahr für das Werk und die Umgebung bedeutete. Darüber fand eine Besprechung statt, bei der auch der Reichsverteidigungskommissar Wahl in Augsburg eingeschaltet wurde.
 


Der oben stehende Text wurde teilweise gekürzt, leicht verändert und mit Bildern ergänzt von Peter Dittert.

Der Text wurde mit freundlicher Genehmigung des Vorstands der Leutelt-Gesellschaft e.V. entnommen aus dem Buch:
„Neugablonz - Stadtteil der ehemals Freien Reichsstadt Kaufbeuren im Allgäu“
Entstehung und Entwicklung
Herausgegeben von der Leutelt-Gesellschaft durch Susanne Rössler und Gerhart Stütz

Das Buch mit dem vollständigen Text ist erhältlich für 35 Euro im örtlichen Buchhandel von Neugablonz oder direkt von der Leutelt-Gesellschaft, Waldstetter Gasse 10a, 73525 Schwäbisch-Gmünd, Tel. 07171/72705 - gerne bin ich Ihnen bei der Beschaffung des Buches behilflich -  Email : 
Peter Dittert