Unter mehr als tausend Menschen, auf engstem Raum zusammengepresst, kamen beinahe tagtäglich Krankheitsfälle vor, die Gefahr des Ausbruchs von Seuchen schien vorprogrammiert, Geburt und Tod, wie in jeder menschlichen Gesellschaft, waren Bestandteil auch dieser Daseinsform. So richtete das Flüchtlingsamt bei Übernahme des Lagers Riederloh ein Versorgungszentrum ein, um die ärztliche Betreuung der Lagerbewohner zu gewährleisten. Die Grundvoraussetzung dafür war gegeben, das Lager Riederloh besaß eine „Sanitätsbaracke", die auch die neue Lagerverwaltung übernehmen konnte. Eine Rot-Kreuz-Schwester nahm im Sommer 1946 hier ihren Dienst auf. Kaufbeurer Ärzte wurden gebeten, Sprechstunden im Lager abzuhalten. Die erste Schwester quittierte ihren Dienst im Lager bald, ihre Nachfolgerin wurde „Schwester Anni", Anni Peine aus Waal. Sie war während des Krieges als Rot-Kreuz-Schwester in Lazaretten eingesetzt gewesen und hatte in Kaufbeuren seit Februar 1946 Vertriebene betreut. Schwester Anni wurde zum guten Geist des Lagers Riederloh, sie hat viel Segen gestiftet und wurde von allen Hilfsbedürftigen, Kranken und Alten sehr geschätzt. Schwester Anni fand die Sanitätsbaracke in recht ordentlichem Zustand vor, diese Baracke besaß sogar ein eigenes Bad, Zentralheizung, Warmwasserversorgung und eine eigene Toilettenanlage. Das eigentliche Krankenrevier bestand aus vier Stuben mit je vier Betten, zwei weitere Stuben mit je acht Betten dienten als eine Art Altenpflegeheim. In einer weiteren Stube hielt der Lagerarzt, ab 1947 war Dr. Siegfried Bufe für diesen Dienst gewonnen worden, regelmäßig an Vormittagen außer Sonntag Sprechstunden ab.

Dr. Bufe wohnte mit seiner Familie außerhalb des Lagers, Schwester Anni stand als Unterkunft ein winziges Barackenzimmer zur Verfügung, eingerichtet mit einem Bett und einem Hocker. Vier Jahre wohnte Schwester Anni im Lager, obwohl sie in Waal ein Zuhause hatte. Eine andere Lösung wäre auch nicht zu realisieren gewesen, denn Schwester Anni war rund um die Uhr im Dienst. Sie hatte alleinverantwortlich im Auftrag des Lagerarztes alle Kranken und Hinfälligen zu betreuen. 1947/48 stand ihr ein Sanitäter zur Seite. Wollte sie das Lager verlassen, musste sie, wie alle Lagerbewohner, um einen Ausgangsschein ersuchen und außerdem eine Ersatzkraft stellen. Urlaub gab es für sie keine Stunde. Ihr Gehalt betrug pro Monat 138 Mark. Sie war Angestellte des Landratsamtes.

Ihr Arbeitsgebiet war umfangreich, auch was die Tätigkeitsmerkmale ihrer Arbeit betraf. Sie assistierte Dr. Bufe bei den Sprechstunden, bei kleinen Operationen, die im Lager durchgeführt wurden. Sie versah die ambulante Krankenpflege, das bedeutete, dass sie auf Anordnung des Arztes mehrmals am Tag von Baracke zu Baracke eilte, wo Patienten lagen, mit Medikamententablett und Verbandssachen. Sie pflegte die Kranken, die im Krankenrevier der Sanitätsbaracke untergebracht worden waren, die Betten dort waren stets belegt.

Schwester Anni Peine und Sanitäter Klamt vor der Sanitätsbaracke (1947)

Nur ganz schwere Fälle wurden in die Krankenhäuser überwiesen. Schwierige Fälle waren die hinfälligen Alten, die im „Altenpflegeheim" untergebracht waren, sie waren sehr unruhig, besonders nachts. Die Pflege insgesamt war damals schwer zu handhaben, es gab keine wirksamen Medikamente in ausreichender Menge, Penizillin war unbekannt, Behandlung mit Wickeln und Tees an der Tagesordnung.

Schwester Anni verhandelte mit der Küche, wenn Diätkost benötigt wurde, kochte auch auf ihrem primitiven Kocher selbst Krankensuppen. Sie leistete Erste Hilfe bei Unglücksfällen, wurde zu Sterbenden geholt und stellte eigenverantwortlich Überweisungen in die Krankenhäuser aus, wenn der Arzt nicht greifbar war.

Gebärende wurden nach Möglichkeit auch in Krankenhäuser überwiesen, jedoch es kamen auch Kinder im Lager zur Welt, unter den dort herrschenden primitiven Verhältnissen. Die Gebärende blieb in der Barackenstube, die übrigen Bewohner wurden nach Möglichkeit hinausgebeten, die Lagerstatt der werdenden Mutter mit Decken notdürftig abgeschirmt. In den ersten Monaten stand keine Hebamme zur Verfügung, später wurde eine Hebamme aus der Stadt herbeigeholt.

Aus heutiger Sicht sind diese Begebenheiten von damals kaum mehr nachvollziehbar, auch bei Geburt und Tod konnten sich die Menschen nicht von ihren Nachbarn distanzieren. Jedoch hatte dieses enge Beieinander des Lagerlebens auch seine positive Seite: Alle und jeder waren eingebunden in den bunten, ewigen Kreislauf des Lebens und des Vergehens, niemand den natürlichen Vorgängen, die jeden Menschen betreffen, entfremdet, wie es heute in der Zeit der Hochzivilisation der Fall ist. Raum für Ausleben eines persönlichen Egoismus gab es nicht, um so mehr Gelegenheit, Hilfe zu geben und Hilfe zu empfangen. Schwester Anni versah ihren schweren Dienst im Lager mit Selbstverständlichkeit. Nicht zuletzt dank ihrer Fürsorge blieben den Lagerinsassen Epidemien und Seuchen erspart. 1950 quittierte Schwester Anni ihren Dienst im Lager Riederloh, die Sanitätsbaracke wurde aufgehoben. Die Bewohner des Lagers Rieder­loh, das zu dieser Zeit offenes Wohnlager geworden war, wurden auf die praktizierenden Ärzte außerhalb des Lagers verwiesen. Schwester Anni heiratete und blieb Neugablonz treu. Rückblickend stellte sie gern fest, dass das Bewusstsein, dringend gebraucht zu werden, ihr die Kraft gegeben hat, ihren schweren Dienst rund um die Uhr über vier volle Jahre durchzuhalten.

Dem Sanitätspersonal zur Seite stand eine Fürsorgerin, ebenfalls Angestellte des Landratsamtes. Sie hatte außer Betreuung und Beratung der Lagerbewohner auch noch andere Aufgaben, so versah sie mit Dr. Bufe die Mütterberatungen im Landkreis Kaufbeuren. Die erste Lagerfürsorgerin war Ursula Mantau, selbst Flüchtling; sie konnte viel Verständnis für die Lage der Vertriebenen aufbringen. Ursula Mantau war im Januar 1945 aus ihrer Heimat Beuthen in Oberschlesien vor der anstürmenden Roten Armee hochschwanger mit ihrer zweijährigen Tochter geflüchtet. Im Bombenhagel, der im Februar 1945 Dresden vernichtete, brachte sie ihr zweites Kind zur Welt. Mit dem Neugeborenen im Arm und der Zweijährigen an der Hand schlug sie sich, unsägliche Strapazen ertragend, angegriffen von amerikanischen Tieffliegern, bis nach Kaufbeuren durch, wo ihr Mann als Offizier am Fliegerhorst stationiert war. Hier erlebte sie die Kapitulation der Deutschen Wehrmacht mit allen ihren schlimmen Auswirkungen für den unschuldigen einzelnen. Da ihr Mann als ehemaliger Offizier keine Arbeit bekam, sorgte sie für ihre Familie. Ursula Mantau wohnte in Kemnat, jeden Morgen in der Früh gelangte sie, oft auf abenteuerliche Weise, in das Lager Riederloh. Als ausgebildete Säuglingsschwester nahm sie sich besonders der Mütter und der Kinder an. Es gelang ihr dann und wann, gebrauchte Kleidung für Säuglinge und Kleinkinder zu ergattern.

Das Gesundheitsamt Kaufbeuren bemühte sich, die Fürsorge für Mütter und Kinder durch Bereitstellung von Säuglingspflegemitteln zu unterstützen, denn bis zur Währungsreform gab es dergleichen kaum zu kaufen, schon gar nicht für „arme Flüchtlinge", die weder Geld noch Tauschware besaßen. Die Fürsorgerinnenstelle wurde bis zur Lagerauflösung beibehalten, Ursula Mantau in den letzten Jahren durch andere Kolleginnen ersetzt.


Der oben stehende Text wurde teilweise gekürzt und leicht verändert von Peter Dittert.
Der Text wurde mit freundlicher Genehmigung des Vorstands der Leutelt-Gesellschaft e.V. entnommen aus dem Buch:
„Neugablonz - Stadtteil der ehemals Freien Reichsstadt Kaufbeuren im Allgäu“
Entstehung und Entwicklung - Herausgegeben von der Leutelt-Gesellschaft durch Susanne Rössler und Gerhart Stütz

Das Buch mit dem vollständigen Text ist erhältlich für 35 Euro im örtlichen Buchhandel von Neugablonz oder direkt von der Leutelt-Gesellschaft, Waldstetter Gasse 10a, 73525 Schwäbisch-Gmünd, Tel. 07171/72705 - gerne bin ich Ihnen bei der Beschaffung des Buches behilflich -  Email : 
Peter Dittert