|
|
|
|
Sommer 1939 Der Landkreis Gablonz, Reichsgau des Deutschen Reiches, zählt 98006 Einwohner (davon 5 % tschechischer Nationalität), die Stadt Gablonz, Zentrum der Gablonzer Glas- und Schmuckwarenindustrie, 28774 Einwohner. Der Landkreis Kaufbeuren, Regierungsbezirk Schwaben des Deutschen Reiches, zählt 35544 Einwohner, die Stadt Kaufbeuren, alte Freie Reichsstadt, Industriezentrum, 11491 Einwohner. November 1939 Zwei
Monate nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs: 27. April 1945 Amerikanische Truppen besetzen Kaufbeuren 30. April 1945 Werkschutzleiter August L. Bärmann meldet sich bei den Besatzungsoffizieren in Kaufbeuren und berichtet von der Existenz des DAG-Geländes, das den Amerikanern bis dahin noch nicht bekannt war. Es wird besetzt. 8. Mai 1945 Die Sowjetische Armee marschiert in Gablonz ein. 15. Juni 1945 In Gablonz beginnt die Austreibung der Bevölkerung. Tschechische Miliz jagt ca. 900 Bewohner der Stadt aus den Wohnungen. Nach mehrtägigem Hungermarsch durch das Isergebirge werden sie nach Sachsen abgeschoben. 30. Juni 1945 Dr. Georg Volkhardt wird Bürgermeister der Stadt Kaufbeuren, Dr. Georg Stang Landrat des Kreises Kaufbeuren. Juli 1945 Dipl.-Ing. Erich Huschka aus Neudorf, Kreis Gablonz, zu Kriegsende im Raum München, legt dem Leiter der Landesstelle Glas beim Landeswirtschaftsamt Bayern, Reinhold Bender, eine Denkschrift über die Ansiedlung der Gablonzer Glasindustrie in Bayern vor. Reinhold Bender sagt Unterstützung zu,. Erich Huschka sammelt eine kleine „Aufbaugruppe“, Sitz Martiusstraße 4, die Aufrufe zur Sammlung der Gablonzer ausarbeitet und verbreitet. Juni - November 1945 „Revolutionäre Phase der Austreibung“, tausende Bewohner von Stadt und Landkreis Gablonz werden mit 30 kg Gepäck nach Sachsen abgeschoben oder zur Zwangsarbeit ins Innere Böhmens deportiert. Oktober 1945 Die Regenhütte im Bayerischen Wald sagt Erich Huschka trotz Rohstoffmangel zu, Stangenglas für die Gablonzer Industrie zu produzieren erste Kontaktaufnahme der Gruppe Huschka mit Bürgermeister Dr. Volkhardt durch Irmgard Schwan/Pracht. November 1945 Das eben gegründete Staatskommissariat für Flüchtlingswesen teilt der Verwaltung von Stadt und Landkreis Kaufbeuren mit, dass sie 15000 Vertriebene aufnehmen muss. Die Besatzungsmächte befehlen, das DAG-Gelände zu sprengen, 90 Großgebäude werden vernichtet. Bürgermeister Dr. Volkhardt wird bei der amerikanischen Besatzungsmacht vorstellig, die Sprengungen im Hinblick auf die aufzunehmenden Vertriebenenströme einzustellen. 28. November 1945 Entscheidende Besprechung bei der Landesstelle Glas in München, die Vertreter des Regierungswirtschaftsamtes in Schwaben, Oberregierungsrat Stölzl und Dipl.-Volkswirt Hugo Fink, bieten an, 7000 Gablonzer in Schwaben anzusiedeln, und weisen auf das DAG-Gelände in Kaufbeuren hin. Ihr Vorschlag wird angenommen. Am 7.12. erfolgt die amtliche Bestätigung durch das Regierungswirtschaftsamt Schwaben. 10. Januar 1946 Errichtung einer offiziellen Leitstelle „Beauftragte für Gablonzer Industrie“ in München, Wagmüllerstr. 18. 11. Januar 1946 Bürgermeister Dr. Volkhardt unterrichtet den Regierungspräsidenten in Augsburg über das DAG-Gelände, er befürwortet wärmstens die Ansiedlung der Gablonzer und ersucht um Rückstellung der Ansiedlungsgesuche von neun nichtgablonzer Industriebetrieben, die sich im DAG-Gelände niederlassen wollen. 16. Januar 1946 Regierungsflüchtlingskommissar Vohland ermächtigt Erich Huschka, „diejenigen Gablonzer, die aus Handwerkskreisen stammen“, nach Kaufbeuren weiterzuleiten. 24. Januar 1946 Erwin Erben trifft in Kaufbeuren ein und errichtet im Auftrag von Erich Huschka in Zusammenarbeit mit Flüchtlingskommissar Anton Weigel eine Leitstelle für Ansiedlung der Gablonzer in der Schmiedgasse. 30. Januar 1946 Beginn der „regulären Aussiedlung“ in Stadt und Land Die Transporte werden in die amerikanische oder sowjetische Besatzungszone geleitet (1947 erklärt die Prager Regierung die „Abschiebung“ der Deutschen für beendet). Februar 1946 In Kaufbeuren haben zwei Gablonzer Gürtler Werkstätten errichtet. März 1946 Der Wirtschaftsminister von Bayer, Dr. Ludwig Erhard, sperrt sich gegen die Ansiedlung der Gablonzer in Kaufbeuren, sein Bestreben: die Gablonzer Industrie in Franken und Niederbayern anzusiedeln. 14./15. März 1946 Dr. Volkhardt und Dr. Strang setzen sich in einem Schreiben an den bayerischen Innenminister Dr. Seifried für die Ansiedlung der Gablonzer in Kaufbeuren ein und weisen darauf hin, dass „bereits 400 Gablonzer Facharbeiter in Kaufbeuren sesshaft sind“. 29. März 1946 Zwangsweise Schließung der Leitstelle Wagmüllerstraße. 3. Mai 1946 Beschluss des Bayerischen Ministerrates: Die Gablonzer werden in Oberfranken angesiedelt, wer in Kaufbeuren bereits Fuß gefasst hat, soll bleiben. Dass diese Entscheidung auch politische Motive hat, bezeugt ein Ausspruch Dr. Erhards: „Ich kenne die Gablonzer gut, ihre Ansiedlung in einer einzigen Gemeinschaft wäre eine zu geballte Kraft“. Mai -Juni 1946 Trotz Ansiedlungsverbot hält der Zustrom der Gablonzer nach Kaufbeuren mit Unterstützung der Stadt Kaufbeuren unvermindert an. 22. Mai 1946 Die ersten Druckhütte der Gablonzer im Kaufbeuren Raum (Stöttwang) wird offiziell eingeweiht: Die Geburtsstunde der Gablonzer Industrie in Bayern, 1. Juni 1946 Die Stadt übernimmt das Lager Riederloh in Verwaltung. Juni 1946 Da es nicht möglich ist, von Amtswegen die Freigabe des von den Alliierten besetzten DAG-Geländes für die Ansiedlung der Gablonzer frei zu bekommen, greifen die Gablonzer zur Selbsthilfe. 12. Juni 1946 Gründung der Allgäuer Glas-, Metall- und Schmuckwaren eGmbH. 21. Juni 1946 Gründung der Aufbau- und Siedlungsgesellschaft. 1. Juni 1946 Unterzeichnung eines Vertrages durch US-Cpt. Neill, Erich Huschka, Paul Dürrschmidt: Die Amerikanische Militärregierung verpachtet an die Aufbau- und Siedlungsgesellschaft für 2000 Reichsmark monatlich, Laufzeit 25 Jahre, mit Vorkaufsrecht einen Großteil des DAG-Geländes. Der Aufbau der Vertriebenensiedlung Kaufbeuren-Hart kann beginnen. Ab 1952 wird sie Neugablonz heißen.
Text von Susanne Rößler
|
|
|
|